Vaterstädtische Stiftung - Betreutes Wohnen in Hamburg

Die Vaterstädtische Stiftung in der Nachkriegszeit

Das Kriegsende befreite einerseits die Stiftung von der Sorge vor neuen Eingriffen der nationalsozialistischen Machthaber, stellte aber andererseits den Vorstand vor neue, schwierige Aufgaben. Eine erste Bestandsaufnahme ergab, dass von den - unter Einschluss der bis dahin selbstständig geführten Mendelson-Israel- und John-R.-Warburg-Stifte - 13 Stiftsgebäuden neun den Krieg unbeschädigt überstanden hatten. Der Dachstuhl des Stifts in der Tornquiststraße, des heutigen Otto-Rautenberg-Stifts war zerstört und die Stifte in der Grabenstraße, der Baustraße und der Bundesstraße lagen in Trümmern.

In den Stiften wohnten weit mehr zwangseingewiesene stiftsfremde Bewohner als satzungsgemäße Stiftsangehörige. Nahezu alle Wohnräume waren mit mindestes zwei Personen belegt.

Eine der ersten Handlungen des Vorstandes war es, die im "Dritten Reich" zwangsweise geänderte Satzung auf den früheren Text zurückzuführen und die erzwungene Trennung von jüdischen Vorstandsmitgliedern aufzuheben.

Von größter Bedeutung war die Wiederherstellung des Dachstuhls in der Tornquiststraße und die Schaffung von Notwohnungen in den Dachgeschossen der erhalten gebliebenen Stifte. Diese Aufgabe wurde jedoch durch den Mangel an Material und die allgemein durch Unterernährung gedrückte Arbeitsmoral der Bauarbeiter teils erschwert, teils unmöglich gemacht. Vor der Währungsreform am 20. Juni 1948 sind tatsächlich nur einige wenige Dachgeschosswohnungen hergestellt worden, und auch das Dach des Otto-Rautenberg-Stifts konnte nur provisorisch abgedichtet werden. Zur Linderung der Folgen der Überbelegung der Häuser wurden viele Zwei-Raum-Wohnungen in Ein-Raum-Wohnungen mit Notkochstellen unterteilt.

Mit der Währungsreform trat auch der Kapitalmangel der Stiftung deutlich zu Tage. Die DM-Eröffnungsbilanz wies nur noch ein Barvermögen von DM 15.362,61 aus. Dem gegenüber erforderte die Reparatur der beschädigten Gebäude ein mehrfaches dieser Summe. Die Mieteinnahmen erreichten nur etwa DM 6.000,-- monatlich. Nur größte Sparsamkeit, Verzicht auf Entlohnung von Mitarbeitern und Aufwandsentschädigung der Vorstandsmitglieder konnte die Fortsetzung der Stiftungstätigkeit ermöglichen.

Unter diesen Umständen war es nicht verwunderlich, dass der Vorstand sich bemühte, die Trümmergrundstücke zu verkaufen, um von dem erwarteten Erlös ein neues Stift in Fuhlsbüttel zu errichten. Die Verhandlungen besonders über den Verkauf des zerstörten John-R.-Warburg-Stifts zogen sich unvorhergesehen in die Länge, denn auch die Kaufinteressenten hatten nicht das erforderliche Kapital um den Grundstückskauf zu bezahlen, und die Beleihung machte in den ersten Jahren nach der Währungsreform noch erhebliche Schwierigkeiten.

Paradoxerweise musste die Stiftung auch Ansprüche der Jewish Trust Corporation auf "Rückerstattung" dreier Stiftsgebäude abwehren. Das John-R.-Warburg-Stift, das Martin-Brunn-Stift und das Mendelson-Israel-Stift sollten als jüdische Stiftungen der Jewish Trust Corporation übergeben werden. Es gelang dem Vorstand erst 1952 diese Ansprüche entgültig zurückzuweisen. Nachdem dieses Hindernis fortgefallen war, konnte das Warburg-Stift im März des Jahres für DM 65.000,-- verkauft werden. Der Kaufvertrag musste jedoch im weiteren Verlauf des Jahres immer wieder rückgängig gemacht werden, da der Käufer mit der Kaufpreiszahlung in Verzug kam. Immerhin konnte bald danach ein neuer Käufer für einen geringfügig höheren Kaufpreis gefunden werden. Aus heutiger Sicht scheint dieser Verkauf bedauerlich. Der Preis war sehr niedrig und im Gegensatz zu den damaligen Ansichten konnte das Gebäude sehr wohl wieder aufgebaut werden. Es steht heute noch und befindet sich im Eigentum der Freien und Hansestadt Hamburg.

Im Winter 1951 wurde endlich dank eines von der Wiederaufbaukasse gewährten Darlehns von DM 28.000,-- die Herstellung eines neues Daches für das Otto-Rautenberg-Stift möglich und die hierbei erstellten neun Wohnungen konnten zum 1. März 1952 bezogen werden.

Das Grundstück Grabenstraße wurde 1953 an die Stadt verkauft und im selben Jahr der Neubau des John-R.-Warburg-Stifts auf dem Grundstück der Stiftung in Fuhlsbüttel in Angriff genommen. Im Dezember desselben Jahres konnte der Bau abgeschlossen und eingeweiht werden. Insgesamt wurden 24 Kleinwohnungen erstellt. Die Kosten für den Neubau beliefen sich auf rund DM 125.000,-- und überstiegen damit die zur Verfügung stehenden Eigenmittel um DM 22.000,--, die als Darlehen des Ausgleichsamts aufgenommen werden konnten. Der Vorstand hat sich damals ernste Sorgen wegen dieser Anleihe gemacht, denn es war das erste Mal in der Geschichte der Stiftung, dass Fremdmittel aufgenommen wurden.

Leider erwies sich sehr bald, dass das Gebäude unzureichend isoliert war. Es zeigte sich Feuchtigkeit in den Räumen und im Winter konnten die normalen Raumtemperaturen nicht erreicht werden. Zusätzliche Baumaßnahmen und Kosten waren die Folge. Erst im Juli 1954 wurden die Dachisolierungsarbeiten abgeschlossen. Weitere Bauschäden traten in der Folgezeit auf, und es muss angenommen werden, dass der Bau mangelhaft ausgeführt und unzureichend überwacht worden ist. So ist es nicht verwunderlich, dass das Haus nur etwa 40 Jahre überdauert hat.

Ebenfalls 1954 konnten die Stiftsgebäude von den letzten Zwangsmietern geräumt und die frei gewordenen Wohnungen dem Stiftszweck wieder zugeführt werden. Insgesamt waren seit Kriegsende 554 stiftsfremde Bewohner teils durch Wohnungstausch, teils durch Hilfe des Wohnungsamts aus den Stiften ausgezogen. Nur 120 Personen konnten als Stiftsinsassen übernommen werden. Diese Bereinigung war für die Stiftung von größter Bedeutung, da das Finanzamt die andauernde Fremdvermietung als Gefährdung des Stiftszweck ansah und die Besteuerung der Stiftung erwog.

Im März des Jahres wurde der Dachstuhl des Julius-Ernst-Oppenheim-Stift durch ein Schadenfeuer beschädigt und musste mit Mitteln der Hamburger Feuerkasse wieder aufgebaut werden.

Der langjährige Vorsitzende, Staatsrat Otto Rautenberg legte 1956 im Alter von 80 Jahren aus Gesundheitsgründen den Vorsitz nieder und wurde von dem im Vorjahr neu in den Vorstand eingetretenen Herrn Werner Sutor abgelöst.

Sutor betrieb alsbald eine gründliche Überprüfung des baulichen Zustands aller Stiftsgebäude und eine planmäßige Beseitigung vorhandener Schäden. Gleichzeitig wurde der Neubau eines größeren Stiftsgebäudes in Fuhlsbüttel ins Auge gefasst. Hierzu sollten die Mittel aus einem der Stiftung zugeflossenen Vermächtnis, dessen Verwertung etwa DM 65.000,-- ergeben hatte, sowie Spenden und Darlehen verwendet werden. Der Bau konnte nach langen Verhandlungen mit den Darlehensgebern im Sommer 1958 in Angriff genommen und Ende 1959 fertiggestellt werden. Bemerkenswert erscheint, dass dieses Haus nach den damaligen Bestimmungen für Wohnstifte nur Gemeinschaftstoiletten außerhalb der Wohnungen erhalten durfte. Wenig später hat man diese nicht mehr zeitgemäße Bestimmung aufgehoben. Das neue Stift erhielt in Anerkennung der großen Verdienste, die sich Herr Dr. Paul Wohlwill um die Stiftung und ihre Insassen seit 1938 erworen hatte, den Namen dieses Vorstandsmitglieds.

Im Laufe der sechziger Jahre sind alle Stiftshäuser auf Ölheizung umgestellt worden, wofür erhebliche Mittel aufgewandt wurden. Gleichzeitig wurden immer wieder größere und kleiner Reparaturen an den Gebäuden vorgenommen, die oft in keinem guten Verhältnis zu den Mieteinnahmen standen. Besonders krass zeigte sich dieser Misstand am Eichholz-Stift, der Keimzelle der Stiftung, das nur jährliche Einnahmen von DM 2.200,-- erzielte. Da dieses sehr kleine Haus wirtschaftlich als Stift nicht mehr zu betreiben war, entschloß sich der Vorstand zum Verkauf, wobei mit DM 70.000,-- ein für damalige Zeit ein recht guter Preis erzielt werden konnte.

Zunächst bestand die Absicht, die der Stiftung zugeflossenen Mittel für die Schaffung von Dachgeschosswohnungen in den Stiften an der Kielortallee zu verwenden, doch lies sich dieser Plan, zum Teil auch wohl infolge der immer wieder diskutierten Bedenken einzelner Mitglieder und ungelöster technischer Fragen nicht verwirklichen. Vielmehr wurde das Geld zur Modernisierung der Heizungen in den Eppendorfer Stiften und zu dringend erforderlichen Reparaturen, vornehmlich in Fuhlsbüttel verbraucht. Auch wurden in der Folgezeit im Dachgeschoss des Alfred-und-Otto-Beit-Stifts zehn Wohnungen neu geschaffen.

In Nachfolge seines Vaters Dr. Paul Wohlwill, der dem Vorstand mehr als 65 Jahre angehört hatte, wurde am 24. Juli 1971 mit Herrn Andreas Wohlwill ein Angehöriger der dritten Generation dieser Familie zum Schriftführer gewählt.

In dem Jahrzehnt von 1966 bis 1975 ist eine gewisse Stagnation der Stiftsentwicklung nicht zu übersehen. Der Vorstand erwog eine Vielzahl von Projekten zur Herstellung neuer oder zur Verbesserung alter Wohnungen, die jedoch weitgehend an den fehlenden Geldmitteln scheiterten. Reparaturen wurden nur soweit unabweisbar durchgeführt, teilweise sogar trotzdem aufgeschoben. Die durch das Alter der Vorstandsmitglieder erklärlichen, der Vergangenheit zugewandten Anschauungen hatten dazu geführt, dass eine Vielzahl von Wohnungen den zeitgemäßen Ansprüchen nicht mehr genügte. Nur zögerlich konnten Minimalwohnungen zu grösseren Einheiten mit Küchen zusammengelegt werden, doch hielt man Nasszellen für jede Wohnung für einen unangemessenen Luxus. Den Anregungen der Behörden für eine bessere Ausgestaltung mochte der Vorstand nicht folgen, was wiederum dazu führte, dass die angebotenen öffentlichen Finanzmittel nicht freigegeben werden konnten. Lediglich im 2. Obergeschoss und im Dach des Rosenthal-Altenhauses wurden 20 Wohnungen modernisiert, die Dachgeschosswohnungen allerdings wohl nur unzureichend, sodass sie wenig später schon nicht mehr belegt werden konnten.

Die ersten wirksamen Verbesserungen erfolgten 1975 durch den Umbau des John-R.-Warburg-Stifts und eines Teilabschnittes des Paul-Wohlwill-Stifts, doch muss aus heutiger Sicht gesagt werden, dass auch diese Maßnahmen nur den Mindestanforderungen der Zeit entsprachen. Größere Pläne, insbesondere für die Modernisierung des Gustav-Kämmerer-Stifts wurden immer wieder verschoben. Trotzdem muss anerkannt werden, dass mit den geringen zur Verfügung stehenden Mitteln versucht wurde, den Zustand der Stifte einigermaßen zu erhalten, und wenn möglich zu verbessern

Durch Zuwendungen der Sozialbehörde konnte 1976 im Max-und-Mathilda-Bauer-Stift ein Fahrstuhl eingebaut werden. Weitere Mittel für Fahrstühle im Rosenthal-Altenhaus und im Gustav-Kämmerer-Stift wurden in Aussicht gestellt. Pläne zur Modernisierung des letztgenannten Stifts wurden weiter beraten und im Juni des Jahres der Entschluss zur Durchführung des Projektes gefasst. Die weiteren geplanten Arbeiten am Rosenthal-Altenhauses mussten dagegen wegen der Unübersichtlichkeit der finanziellen Situation der Stiftung zurückgestellt werden. Aus den Protokollen der Vorstandssitzungen der Zeit ist ersichtlich, dass die Vermietung der Wohnungen in den alten Gebäuden auf wachsende Schwierigkeiten stieß. Allein für das Jahr 1976 ist ein Mietausfall von DM 81.000,-- verzeichnet.

Nach Bereitstellung von Bundesmitteln in Höhe von DM 1.000.000,-- und Aufnahme einer Hypothek von rund DM 150.000,-- konnten die Umbauarbeiten im Gustav-Kämmerer-Stift endlich im Frühjahr 1977 in Angriff genommen und etwa ein Jahr später fertiggestellt werden. Auch für den zweiten Bauabschnitt des Paul-Wohlwill-Stifts wurden die nötigen Darlehen von der Hamburgischen Wohnungsbaukreditanstalt bewilligt und der Zuschuss zum Fahrstuhleinbau im Rosenthal-Altenhaus zur Verfügung gestellt. Naturgemäß belasteten diese Maßnahmen zusammen mit den unbedingt nötigen Unterhaltsarbeiten die Mittel der Stiftung in so starkem Maße, dass alle anderen Pläne bis auf weiters zurückgestellt werden mussten.

Für die Stiftung besonders hilfreich war ein Vermächtnis der Frau Paula Suchard von etwa DM 400.000,--, das als Sondervermögen über lange Zeit angelegt blieb und schließlich beim Neubau des John-R.-Warburg-Stifts im Jahre 1996 Verwendung fand.

Im Laufe des Jahres 1978 wurden die Wohnungen im zweiten Bauabschnitt des Paul-Wohlwill-Stifts fertiggestellt und die Plannung des dritten Bauabschnittes eingehend diskutiert. Es erwies sich als unmöglich, die Vorstellungen des Vorstandes für die Wohnungsgößen mit den Vorschriften der HWK in Übereinstimmung zu bringen. Auch ließ sich das Vorhaben nicht mit den verfügbaren Mitteln der Stiftung und dem zu gewährenden Darlehen finanzieren. Da die Wohnungen schon zur Vorbereitung des Umbaus geräumt worden waren, ergaben sich erneut Mietausfälle, die bis zur endgültigen Durchführung der Arbeiten andauerten.

Das Jahr 1979 verging mit fruchtlosen Diskussionen über die seit Jahren geplanten Umbauten im Rosenthal-Altenhaus und deren Finanzierung. Die Stiftung konnte sich nicht entschließen, den behördlichen Vorschriften zur baulichen Gestaltung von öffentlich geförderten Wohnungen zu entsprechen, ohne deren Beachtung eine Beleihung durch die Hamburgische Wohnungsbaukreditanstalt nicht zu erhalten war. Darüber hinaus schienen dem Vorstand die aufzubringenden Eigenmittel für die im Zuge der Modernisierung erforderlichen, nicht von der HWK zu förderndern Reparaturarbeiten zu hoch. Trotz massiver Einwendungen des Architekten kam es nicht zu einer Verständigung.

Erst Anfang 1980 konnte mit der Modernisierung des Rosentahl-Altenhauses begonnen werden. Hier wurden die im 1. und 2. Obergeschoss vorhandenen Kleinwohnungen in größere Einheiten mit Küche und Duschbad umgebaut. Da aber der Vorstand an seiner Planung festhielt. blieb dem Vorhaben die Förderung durch die Hamburgische Wohnungsbaukasse versagt. Die Stiftung musste die Gesamtkosten von DM 1.000.000,-- durch einen Kredit aufbringen, dessen Belasstungen die laufenden Einnahmen aus der Vermietung für lange Zeit belastete. Die Ablehnung der zur Förderungswürdigkeit nötigen modernen Gestaltung der neuen Wohnungen wirkte sich auch insoweit nachteilig aus, als weitere Modernisierungsmaßnahmen wie Erneuerung der Versorgungsleitungen mit weitaus höheren Kosten in späterer Zeit erforderlich wurden.

Soweit aus den Mitteln der Stiftung möglich wurden in den Häusern des Otto-Rautenberg-Stifts und des Mendelson-Israel-Stifts einzelne Wohnungen baulich verbessert un den modernen Erfordernissen angepasst.

Die seit Jahren geplante Modernisierung des dritten Abschnittes des Paul-Wohlwill-Stifts in Fuhlsbüttel beschäftigte den Vorstand noch lange Zeit, ohne dass Einigkeit darüber erzielt werden konnte, wie der Umbau ausgeführt und finanziert werden sollte. Es bestand einerseits nach wie vor eine tendenzielle Ablehnung gegenüber staatlichen Finanzierungshilfen und andererseits eine möglicherweise altersbedingter Voreingenommenheit gegenüber modernen Wohnansprüchen. Dem gegenüber zeigte sich in zunehmenden Maße, dass ein großer Teil der Stiftswohnungen wegen des unbefriedigenden Zustandes - Wohnungen ohne eigene Küche und Toilette - nicht mehr satzungsgemäß vergeben werden konnten. Als Notmaßnahme wurden Studenten mit kurzfristigen Mietverträgen aufgenommen, doch gestaltete sich das Zusammenleben so unterschiedlicher Altersgruppen sehr schnell als recht schwierig.

Dank der finanziellen Hilfe der Hansestadt gelang es immerhin in weiteren Häusern Fahrstühle einzubauen. Für weitere Aktivitäten war kein Geld mehr vorhanden. Der Überschuss der Hausverwaltung reichte nicht einmal aus, um die laufenden Kosten der Geschäftsstelle zu decken. Es war offenkundig, dass die Stiftung sich in einer existenziellen Krise befand. Unter dem Druck der Verhältnisse erfolgt endlich in 1982 eine Umorientierung des Vorstandes auf eine Anpassung an die behördlich vorgegebenen Standards und eine Zusammenarbeit mit der Hamburgischen Wohnungsbaukreditanstalt. Damit war die Umwandlung der Kleinwohnungen des dritten Bauabschnitts im Paul-Wohlwill-Stifts in zeitgemäße, wenn auch immer noch recht kleine Wohnungen möglich. Im Frühjahr 1983 konnte der Bau seiner Bestimmung übergeben werden. Um die Wohnverhältnisse innerhalb des Gebäudes zu vereinheitlichen, wurden anschließend in den beiden früher fertiggestellten Bauabschnitten Isolierfenster eingesetzt.

Neuer Druck auf die Stiftung kam zur selben Zeit aus dem Wohnungsamt. Die während der ersten Kriegsjahre im Rosenthal-Altenhaus eingebauten und 1972 nur unzulänglich verbesserten Dachwohnungen waren seit langer Zeit nicht mehr belegt worden, und es bestand auch keine Aussicht darauf sie zu vermieten, weil das ganze Dachgeschoss mangels Bewohner und mangels Pflege verkommen war. Dessen ungeachtet forderte das Bezirksamt, dass die Wohnungen entweder unverzüglich modernisiert und mit Stiftsangehörigen belegt oder dem Wohnungsamt zur Unterbringung von Asylanten zur Verfügung gestellt würden. In Anbetracht dieser Situation entschloss sich die Stiftung, das gesamte Dachgeschoss auszubauen und hierfür die Hilfe des HWK in Anspruch zu nehmen. Krankheit und Tod des bauleitenden Architekten verzögerten den Baubeginn jedoch bis ins Jahr 1986, sodass die Arbeiten erst Ende des Jahres fertiggestellt werden konnten. Erfreulicherweise kann gesagt werden, dass sehr schöne Wohnungen entstanden sind, ohne dass das Erscheinungsbild des Hauses durch den Fensterausbau beeinträchtigt worden wäre.

Nach diesen positiven Erfahrungen und beraten durch einen sehr kreativen Architekten fiel es dem Vorstand leichter, nunmehr an eine planmäßige Erneuerung des Wohnbestandes zu gehen.

Zunächst wurde das Otto-Rautenberg-Stift, Tornquiststraße 19b in Angriff genommen, in dem schon einige Wohnungen aus eigenen Mitteln der Stiftung modernisiert worden waren. Der Bau konnte im Hochsommer 1986 begonnen und im Mai des folgenden Jahres beendet werden. Im Zuge des Umbaus wurde auch die Giebelwand des Gebäudes, die seit der Kriegszerstörung des Nachbarhauses unverputzt geblieben war, isoliert und verkleidet, sodass nunmehr eine ausreichende Wärmedämmung gewährleistet ist.

Ende 1986 beschloss der Vorstand als nächstes das Martin-Brunn-Stift, Frickestraße 24 neu zu gestalten. Die nötigen Mittel wurden wiederum durch die Hamburgische Wohnungsbaukreditanstalt bereitgestellt, sodass mit den Rohbauarbeiten im August 1987 begonnen werden konnte. Bei dem Umbau dieses Hauses stellte sich leider heraus, dass das gesamte Balkenwerk vom Hausschwamm befallen war. Die Mehrkosten für die Sanierung von rund DM 350.00,-- musste die Stiftung durch Aufnahme eines Darlehns der Hamburgischen Landesbank abdecken. Wie nicht anders zu erwarten, verzögerte sich die Fertigstellung des Hauses nicht unwesentlich, und das Stift konnte abschnittsweise erst zwischen Juli und Oktober 1988 bezogen werden.

Auch der Umbau des unter Denkmalschutz stehenden Theodor-Wohlwill-Stifts, Kielortallee 26 wurde bereits im Januar 1987 geplant und die HWK um Finanzierung gebeten. Die erforderlichen Mittel konnten 1988 bereitgestellt werden und die Bauarbeiten im März des Jahres beginnen. Der zunächst ins Auge gefasste Einbau von Dachwohnungen ließ sich aus statischen Gründen leider nicht verwirklichen. Die Modernisierung ergab 34 Wohnungen und konnte im Dezember 1988 ohne Probleme abgeschlossen werden.

Das ebenfalls unter Denkmalschutz stehende, in der Kielortallee 25 gelegene Max-und-Mathilda-Bauer-Stift sollte unmittelbar im Anschluss an das Theodor-Wohlwill-Stift saniert werden. Die Pläne hierfür wurden schon im Juni 1988 gleichzeitig mit den Plänen für das Alfred-und-Otto-Beit-Stift, Schedestraße 4 beraten. Vorher begann allerdings schon die Umgestaltung des Julius-Ernst-Oppenheim-Stifts, Frickestaße 26. Die hierfür benötigten, sehr erheblichen Mittel konnten von der HWK nur in zwei Abschnitten zur Verfügung gestellt werden, sodass der Rohbau des ersten Bauabschnittes im Januar, der des zweiten Bauabschnittes im März 1989 in Angriff genommen und die fertiggestellten Wohnungen teils im August desselben Jahres, teils im Februar 1990 bezogen werden konnten.

Etwas verzögert konnte der Umbau des Max-und-Mathilde-Bauer-Stifts im Juni 1989 beginnen. Hier wurden die Arbeiten dadurch erschwert, dass gleichzeitig das Büro der Stiftung neue, dem Umfang des Personals und der erforderlichen Einrichtungen angemessene Räume erhalten musste, in die sie im November einziehen konnte. Der auch durch das Denlmalschutzamt und die Behörde für Arbeit und Soziales mit zusammen DM 177.000,-- geförderte Bau wurde Ende Juni 1990 beendet. In diesem Haus, ebenso wie im Theodor-Wohlwill-Stift konnten die schönen, alten, gewölbten Fensterscheiben erhalten bleiben. Die nötige Wärmedämmung wurde durch innen vorgesetzte Doppelfenster erreicht.

Unmittelbar nach Abschluss der Arbeiten im Julius-Ernst-Oppenheim-Stift folgte im April 1990 der Baubeginn im Alfred-und-Otto-Beit-Stift. Die Umbauarbeiten kommten im August 1991 planmäßig abgeschlossen werden. In diesem Haus entstanden erstmalig auch Behindertenwohnungen und die für diesen Bewohnerkreis erforderlichen Sondereinrichtungen. Zur Vervollständigung der Eimsbüttler und Eppendorfer Stifte fehlte noch die Modernisierung des Gustav-Kämmerer-Stifts, Schedestraße 2. Obwohl die Finanzmittel der Stiftung ebenso wie die Arbeitskraft der Mitarbeiter aufs äusserste angespannt waren, entschloss sich der Vorstand im Herbst 1990 auch dieses Vorhaben umgehend in Gang zu bringen. Ursprünglich war nur an einen Ausbau des Dachgeschosses gedacht worden, weil das Haus schon einmal 1977 mit Förderung der HWK in damaligen Vorstellungen entsprechende Kleinwohnungen umgebaut worden war. Das Dach sollte zweigeschossig mit übereinander liegenden Gauben ausgebaut werden. Dieser Plan ließ sich jedoch aus feuerschutztechnischen Gründen nicht verwirklichen und auf Vorschlag der HWK wurde eine vollständige Modernisierung des Hauses mit einem Dachgeschoss und einer Erweiterung des Gebäudes im Innenhof durch einen Zwickel zwischen den beiden, im spitzen Winkel zu einander liegenden Flügel beschlossen. Auf diese Weise konnte die Wohnfläche des Hauses für die Schaffung von Behindertenwohnungen vergrößert werden.

Unerwartet stellten sich bei der abschließenden Besprechung mit der HWK neue Schwierigkeiten auf Grund des zu erwartenen Bauaufwandes heraus. Die Planung musste noch einmal geändert werden, doch konnten die Arbeiten endlich im November 1993 beginnen und nach 18 Monaten abgeschlossen werden.

Die Verzögerung des Umbaus im Gustav-Kämmerer-Stift bewirkre, dass der ursprünglich erst nach Abschluss der Arbeiten in Eppendorf vorgesehene Bau in Fuhlsbüttel, Kurzer Kamp 2-6, noch während in der Schedestraße gebaut wurde, geplant werden musste. Die Begehung der Gebäude des John-R.-Warburg-Stifts und der beiden Häuser des Mendelson-Israel-Stifts führte zur einhelligen Auffassung, dass in eine Reparatur dieser Häuser fließendes Geld fehlinvestiert sein würde. Darum wurde entschieden, diese drei Häuser abzureissen und an ihrer Stelle ein größeres Haus neu zu errichten.

Hatte die Stiftung sich beiden bisherigen Umbauten damit behelfen können, die Bewohner der in Bau gehenden Stifte in andere, bereits fertiggestellte Häuser einzuquartieren, so entfiel diese Möglichkeit in Fuhlsbüttel. Um diesen Stiftsangehörigen Ersatzwohnraum bieten zu können, wurde beschlossen, zunächst das Paul-Wohlwill-Stift um zwei weitere Geschosse aufzustocken und erst danach die alten Häuser abzubrechen.

Die Maßnahmen zur Aufstockung des Paul-Wohlwill-Stifts konnten im Juni 1994 beginnen und gestalteten sich rasch sehr schwierig. Nach alten Plänen des Gebäudes sollte das Ausgleichsmaterial zur Anschrägung des Daches aus Leichtbeton bestehen, doch war tatsächlich - aus welchen Gründen auch immer - normaler Beton verwendet worden. Infolgedessen musste die ganze Dachfläche mit Presslufthämmern abgestemmt werden. Da gleichzeitig für die Jahreszeit ungewöhnlich starke Regenfälle einsetzten wurden vornehmlich die Wohnungen im 1. Obergeschoss erheblich durchnässt. Die Bewohner hatten starke Belästigungen zu ertragen und die Stiftung sah sich genötigt, auf Mietzahlungen zu verzichten. Trotz aller Schwierigkeiten gelang es, die Aufstockung mit 18 Wohnungen, von kleinen Restarbeiten abgesehen, bis zum Mai 1995 zu vollenden.

John-R.-Warburg-Stift
John R. Warburg-Stift, Kurzer Kamp 6

Nachdem alle Bewohner der drei alten Stifte im Paul-Wohlwill-Stift untergebracht werden konnten, begann der Abbruch der Häuser Anfang des Jahres 1996. Der Grundstein des Neubaus, der nach einstimmigem Vorstandsbeschluss wieder den Namen John-R.-Warburgs tragen sollte, konnte am 18. April des Jahres feierlich gelegt werden. Das gesamte Bauvorhaben mit 58 Wohnungen, davon 4 Schwerbehindertenwohnungen, konnte nach nur 13-monatiger Bauzeit im Mai 1997 abgeschlossen werden. In der Ansprache zur förmlichen Einweihung des Neubaus konnte der Vorstand sich freuen, das größte, schönste und modernste Stift seiner Bestimmung zu übergeben. In diesem, nicht durch vorhandene Grundrisse festgelegten Bau konnten Architekt und Stiftung zum ersten Male ihre Vorstellungen von der Gestaltung moderner Altenwohnungen verwirklichen.

Paul Wohlwill-Stift
Paul Wohlwill-Stift, Kurzer Kamp 2

Als Verbindung zwischen dem Paul-Wohlwill-Stift und dem neuen John-R.-Warburg-Stift entstand gleichzeitig als Stahl-Glas-Konstruktion eine Orangerie, die den Bewohnern auch zur Unterbringung eigener Grünpflanzen zur Verfügung steht. Auch dieser Bau wurde im Sommer 1997 ausgeführt. Die Stiftung hatte somit ihr Programm zur Modernisierung aller Stiftshäuser nach knapp 15 Jahren vollendet.

Was sich hier als einfacher Ablauf eines vorher gefassten und durchdachten Planes darstellt, war in Wirklichkeit ein nur unter ständiger Anspannung aller physischen und finanziellen Kräften zum Erfolg geführter täglicher Kampf mit immer neuen Widrigkeiten und Problemen. Allein der Umstand, dass zwischen 1982 und 1994 ständig mindestens ein Stift zum Umbau geräumt werden musste, und ein anderes umbebaut wurde, verursachte Einnahmeausfälle, die die Stiftung nur durch Inanspruchnahme ihrer letzten Reserven auffangen konnte. Ohne zahlreiche Einzelspenden und die großzügige Hilfe der Hamburgischen Wohnungsbaukreditanstalt und der Hausbanken wäre die Durchführung der Pläne nicht möglich gewesen.

Aber auch den Mitarbeitern der Stiftung und den Hauswarten sind große Anstrengungen, den Mitbewohnern höchste Geduld abverlangt worden. Allen, die durch ihre Tätigkeit und ihr Verhalten zum Gelingen des Werkes beigetragen haben gebührt großer Dank.

Neben den im einzelnen beschriebenen Um- und Neubauten sind in den Jahren 1985 bis 1999 in allen Stiften die Heizungen erneuert und Fahrstühle eingebaut worden. Alle Wohnungen haben Duschbäder und Küchen erhalten. Entsprechend den Erfordernissen der Zeit sind überall Einrichtungen für die verbrauchgsgerechte Erfassung von Heizungs- und Wasserverbrauch geschaffen worden. Die gute Annahme der Wohnungen durch die Berechtigten stellt die finanziellen Grundlagen der Stiftung in soweit wieder her, dass der regelmäßige Unterhalt der Gebäude aus den Einnahmen gesichert erscheint.

Ab Herbst 1998 konnte die Stiftung den Bewohnern aller Stifte eine Teilbetreuung anbieten. Die Hauswarte sind den Stiftsangehörigen bei der Erledigung alltäglicher kleinerer Probleme je nach Bedürfnis des Bewohners behilflich und unterrichten über durch die Geschäftsführung vorbereitete kulturelle, informative und sportliche Angebote, die zunehmend gern in Anspruch genommen werden.

Autor: Wolf Boehlich


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